Portrait Joachim Fiedler

Interview mit FIDLOCK Gründer und unserem Geschäftsführer Joachim Fiedler

Musik spielt in Deinem Leben eine große Rolle und eigentlich ist sie auch die Wurzel für Dein späteres Unternehmertum. Wo kommt dieses Gen her?


Meine Eltern wären in Friedenszeiten gerne Musiker geworden, es war aber kein Frieden. Mein Vater hat seine Geige über den Krieg gerettet, meine Mutter kam aus einem Musiklehrer-Haushalt und wäre gerne Opernsängerin geworden, das hat nun ihre Tochter, meine Schwester, geschafft. Familie Fiedler hat schon immer gesungen und musiziert, und da mein Vater Baptist ist, sind wir früher durch die Baptistenkapellen gewandert.

Ich habe nach dem Abitur Cello studiert, und mich hat immer diese lästige Cellobogen-Halterung genervt. Also habe ich eine magnetische erfunden, dazu ein multifunktionales Sitzkissen für den Musiker und einen Tragegurt. Das war dann mein erstes Patent.

 

Also nicht nur Musiker, sondern auch Erfinder. Und wie kamst Du auf die Idee mit den Patenten, das ist ja keineswegs selbstverständlich.


Ich habe schon immer gerne gebastelt und experimentiert, immer geisterten Ideen in meinem Kopf. Meine Schwestern erzählen noch heute, dass ich als Junge einen Mähdrescher gezeichnet habe, der vorne das Korn drischt, und hinten kamen die Marmeladenbrote raus. Beim Abitur hatte ich drei Berufswünsche:

Erstens: Geigenbauer – ich hatte auch schon angefangen, Holzschnecken zu schnitzen für die Aufnahmeprüfung an der Geigenbauerschule. Zweitens: Atomphysiker – ich hatte freiwillig Physik als Leistungskurs zusätzlich belegt und abends im Bett Weizsäcker und Heisenberg gelesen. Ich beschäftige mich heute noch mit Dingen wie Reaktor-Design. Der dritte Wunsch war Cellist – ich bekam einen Platz in der Klasse von zwölf Schülern des weltbekannten Cellisten David Geringas. In Berlin studierte ich dann zu Ende, arbeitete als Musiker-Aushilfe bei den Berliner Philharmonikern und bin mit mehreren Orchestern um die Welt getourt.

 

Aber Du wurdest dann doch Erfinder?
 

Meine Kollegen von damals sind heute Cellisten in Rundfunkorchestern, Professoren oder Solo-Cellisten. Ich bin einer der ganz wenigen, die quer schlugen. Der Cellobogenverschluss ließ mich nicht los. Ich dachte, ich wäre der Erste, der einen verpolbaren Verschluss gemacht hatte, also einen Verschluss, bei dem durch Drehen der Minuspol gegen den Minuspol gedreht wird und sich automatisch öffnet, bzw. schließt. Aber es gab schon Glühlampen und Kühlschranktüren damit. Dann habe ich aber ein sehr wichtiges Feature gefunden, das die zweite Patentanmeldung nach dem Patent für den Tragegurt des Cellos war.

Bogenhalter Prototyp 01

Die ersten beiden Fotos zeigen den ersten Prototypen des Bogenhalters.

Bogenhalter Prototyp 02
Bogenhalter final
In dieser Form wird er Bogenhalter noch heute eingesetzt.

Nochmal, warum Patente?


Weil ich anfangs einen in diesem Technikbereich nicht ganz optimal passenden Patentanwalt hatte, habe ich schließlich die ersten Patente selbst geschrieben (heute habe ich einen, der die Patente besser kennt als ich). Das brachte mich dazu, mich mit allen Patenten zum Thema „Magnetverschlüsse“ zu beschäftigen. Es dauerte drei Wochen von morgens bis abends, dann war mir klar, das will ich machen, und so wurde dann später aus dem Verschluss für den Cellobogen ein Schulranzen-Verschluss.

Patente sind nicht nur dazu da, um sich Rechte zu sichern. Sie zwingen einen auch dazu, sich intensiv mit der Materie zu beschäftigen und systematisch vorzugehen, Merkmale zu definieren, zu variieren und neu zusammenzuwürfeln. Auf einmal entsteht etwas, was man vorher gar nicht im Kopf hatte. So kommt man zu neuen Erfindungen. Das kann ich nur jedem empfehlen. Es ist sicherlich eine der Grundlagen für den Erfolg von FIDLOCK. Einer unserer Geschäftsbereiche sind heute Lizenzen, dazu brauchen Sie Patente. Das Abschreckungspotential ist jetzt gigantisch. Wenn jemand einen Patentverschluss machen möchte, muss er viele tausend Seiten von FIDLOCK lesen, um zu wissen, ob er ein Patent verletzt. Natürlich waren die ersten Patente von mir, aber jetzt haben wir eine außergewöhnlich große Entwicklungsabteilung, fast ein Drittel der Mannschaft unserer 55 Mitarbeiter. Die DNA ist übergegangen, meine Mitarbeiter entwickeln Patente, das ist schön so. Wir melden jetzt jedes Jahr mehr davon an.

 

Wie kamst Du eigentlich nach Hannover?


Meine Mutter ist in Göttingen aufgewachsen, mein Vater stammt aus Landsberg an der Warthe (Polen) und ist nach dem Krieg nach Hessen gegangen. Ich bin in Kassel aufgewachsen und war dann 20 Jahre in Berlin. Die Finanzkrise hat mich nach Hannover gespült, denn 2007 hatte ich die erste Finanzierungsrunde gemacht und dachte, ich käme mit 600.000 Euro aus. Das Geld war aber viel zu schnell aufgebraucht. Also habe ich überall vorgetanzt. Wolfgang Lubert von Enjoy Venture managte damals (und heute) den Hannover Beteiligungs Fonds und bot mir die Finanzierung an, dazu musste ich aber nach Hannover kommen. So geschah es, sehr zum Leidwesen meiner Frau, die als Architektin heute noch Berlin vermisst. Heute leben wir hier mit unseren beiden Kindern (5 und 11) und genießen die Vorzüge von Hannover wie zum Beispiel den Knabenchor Hannover und die Eilenriede.

FIDLOCK zog mit damals fünf Mitarbeitern in einen Hinterhof in der Prinzenstrasse, es folgte Dragonerstrasse, Hindenburgviertel und jetzt hier in Hannover Lahe das vierte Domizil.

 

Warum eigentlich der Umzug und warum in dieses Gebäude? Hier residierte früher der Energieversorger Eveen und davor die norddeutsche Zentrale der Neuapostolischen Kirche.


Richtig. Der Grund war die Tiefgarage.

Kirchhorster Straße 01
Das Gebäude in der Kirchhorster Straße 39 in Hannover.
Kirchhorster Straße 02
Kirchhorster Straße 03

Wie das?


Im Zooviertel waren wir gut untergebracht. Aber FIDLOCK wuchs schnell, 2018 waren wir 40 Mitarbeiter, 2019 schon 50, heute sind wir um die 60, es wurde zu eng. Und wir brauchen neben freundlichen und offenen Büroflächen und Werkstätten viel Lagerraum. Den haben wir hier in der Tiefgarage gefunden, die den Ausschlag gab. Da die meisten von uns sowieso mit dem Fahrrad kommen, brauchten wir kaum Stellfläche für Autos.

 

Wo wird eigentlich produziert?


Magnetverschlüsse und die wasserdichten Dry Bags werden in China produziert. Das liegt daran, dass dort unsere Hauptabnehmer, die Taschen- und Schuhfabriken sitzen. Selbst wenn wir es hier zum gleichen Preis produzieren könnten, würden wir es logistisch nicht schaffen, die Produkte dort schnell genug hinzutransportieren. Da wir viel nach Kundenwunsch fertigen müssen produzieren wir auch dort, wo unser Kunde seine Produktion hat.

Im Übrigen macht FIDLOCK ohnehin nur noch etwa 30 Prozent des Umsatzes in Deutschland. China und Amerika sind große Märkte für uns, aber auch Chile und Thailand, insgesamt haben wir 55 Distributoren und Vertriebspartner in 36 Ländern. Die Verbindung nach China ist schon älter. 2008 verschlug es mich dorthin, und ich fand auf Empfehlung eines guten Freundes einen Ingenieur, der sich fast zeitgleich mit mir selbständig machte und mit dem wir gemeinsam wachsen konnten. Anfang dieses Jahres haben wir unsere Handelstochter FIDLOCK Industrial (Shenzen) Limited  gegründet. Leider konnte ich mir unsere neue Niederlassung aufgrund der aktuellen Reisebeschränkungen noch nicht ansehen.

 

Eine letzte Frage: Wenn Du nicht über Verschlüsse nachdenkst, spielst Du dann Cello?


Im Moment leider eher weniger. Ich denke sehr viel über das Klima nach. Es ist ja gerade eine Zeit, in der wir sehr auf Wissenschaftler hören. Schauen Sie dort den blauen Himmel ohne Kondensstreifen (Interview wurde während der Reisebeschränkungen 2020 gehalten). Alleine die Abwesenheit der Schwefelemissionen in der Höhe führt dazu, dass sich die Temperatur möglicherweise um bis zu ein Grad erhöhen kann. Das Global Dimming, der ständige künstliche Vulkanausbruch, den wir eben mal abgeschaltet haben, führt dazu. Einerseits muss ich ein Wirtschaftsunternehmen führen und wir brauchen Plastik und Neodym für unsere Produktion; und  wir müssen fliegen. Andererseits treibt mich die Frage: Wie kann ich das alles klimafreundlicher gestalten? Dazu haben wir eine Task Force gegründet und lassen uns von Atmosfair beraten. Der Chef ist ein Chorfreund von mir.